Unter der Rubrik Seltene Erkrankung habe ich bereits bei verschiedenen Interviews als chronisch kranke und behinderte Person mitgewirkt. Sei es kürzlich beim Leben mit Magazin oder schon vor ein paar Monaten für Seltenekrankheiten.de.
Inhaltsverzeichnis
- Interviews mit behinderten und chronisch kranken Menschen: Was brauchen Menschen mit einer seltenen Erkrankung?
- Meine Tipps: Interviews mit behinderten und chronisch kranken Menschen
- Verleihe meiner Arbeit Flügel
- Was genau kann deine Hilfe bewirken?
- Bleibe auf dem Laufenden
- Neuste Beiträge
Einerseits hoffe ich, mit jedem einzelnen Interview mehr Sichtbarkeit für den seltenen Gendefekt LHON (Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie) zu erreichen und ihn mehr und mehr in das Bewusstsein von Leser*innen zu setzen. Andererseits hoffe ich natürlich auch Personen mit LHON zu erreichen. Menschen, die bis heute noch keinen Austausch gefunden haben. Menschen, die Gruppen suchen oder Fragen haben, um sie weiter vermitteln zu können. Denn wie ich es immer wieder sage: „Wir sind selten, aber nicht allein“
Umso wichtiger ist es, dass wir Sichtbarkeit nicht nur am Rare Disease Day oder LHON Awareness Day erhalten, sondern kontinuierlich 365 Tage im Jahr. Denn seltene Erkrankungen brauchen tägliche Aufmerksamkeit. Sie existieren nicht nur an einem bestimmten Tag im Jahr. Und wir können nicht hoffen, dass zufällig an diesem Tag Ärzt*innen von der seltenen Erkrankung gehört haben. Wir müssen darauf vertrauen, eine gute medizinische Versorgung zu erhalten. Wir müssen ebenfalls die Sicherheit haben, dass es eine flächendeckende Versorgung gibt. Das wir die Möglichkeit haben, uns in unserer Region versorgen zu lassen.
Interviews mit behinderten und chronisch kranken Menschen: Was brauchen Menschen mit einer seltenen Erkrankung?
LHON ist aufgrund ihrer Seltenheit unbekannt. Ebenso ist nicht bekannt, wieso LHON bei einigen Genträger*innen ausbricht und wieso bei anderen nicht. Für Fragen wie diese benötigen wir mehr Forschung, die trotz einer seltenen Erkrankung gesichert sein muss. Fachkliniken sind für behinderte und chronisch kranke Menschen oft nicht barrierefrei zu erreichen. Dies liegt nicht nur daran, dass gerade mal jede 4. Hausarztpraxis barrierefrei ist und es bei Fachpraxen noch seltener ist, sondern auch daran, dass eine ortsnahe Versorgung oft nicht gegeben ist. Das bedeutet für viele Menschen eine Reise, die sie bewältigen müssen. Eine Reise, für die nicht jede Person die Kapazitäten hat. Der Zugang zu einer medizinischen Versorgung sollte und muss für jede Person gesichert sein.
Aber auch das medizinische Personal benötigt mehr Vernetzung und Weiterbildungen. Denn in vielen Fällen müssen behinderte und chronisch kranke Menschen selbst Ärzt*innen über ihre Erkrankung aufklären. In anderen Fällen werden ihnen ihre Symptome nicht geglaubt und abgesprochen, weil sie nicht in ein bekanntes Schema passen.
Eine Vernetzung hat dabei auch den Vorteil, dass eine schnelle Diagnostik und Behandlung gewährleisten werden kann. Eine frühzeitige Behandlung kann die Wirkungschance in vielen Fällen von Therapien erhöhen.
Aber auch die mentale Belastung, die ständige medizinische Untersuchungen und das Warten auf eine Diagnose mit sich bringt, darf nicht außer Acht gelassen werden. Viele Menschen haben bis heute immer noch keine Diagnose und wissen immer noch nicht, was mit ihnen „los ist“.
Das Problem: Wir benötigen mehr Forschung, aber je seltener eine Erkrankung ist, desto weniger Geld wird in die Forschung investiert. Dabei sollten die Belange von Menschen mit einer seltenen Erkrankung genauso wichtig sein wie die Belange von häufigeren Erkrankungen. Oftmals macht es auch eine fehlende Diagnose schwieriger, Nachteilsausgleiche oder eine medizinische Versorgung zu erhalten.
Meine Tipps: Interviews mit behinderten und chronisch kranken Menschen
Welche Erfahrungen habe ich bereits bei Interviews gemacht und wie kann man sie barrierefrei gestalten?
Für Interviews mit behinderten und chronisch kranken Menschen können verschiedene Aspekte dazu führen, dass es für sie barrierefreier gestaltet ist.
1. Kommunikation:
Bei meinem letzten Interview wurde die mögliche Kommunikationsweise erfragt. Sollte das Interview schriftlich oder telefonisch stattfinden, waren es die Optionen, die mir überlassen waren. Viele Interviews werden automatisch am Telefon durchgeführt, dabei wird der Aspekt der Barrierefreiheit außer Acht gelassen. Für mich sind telefonische Interviews eine Barriere. Als neurodivergente Person fühle ich mich am Telefon mit Fragen oft überfordert und gewisse Wortlaute verstehe ich nicht und der Stress steigt. Das kann durch ein schriftliches Interview oder das Zusenden der Fragen vorab erspart werden.
Außerdem ist es ebenfalls hilfreich, wenn ich chronische Schmerzen habe und die Konzentration sinkt oder sich spontan Fatigue meldet. Wenn wir Interviews mit behinderten oder chronisch kranken Menschen durchführen, sollten Aspekte der Barrierefreiheit beachtet werden. Vielleicht ist eine Person auf eine Gebärdendolmetschung angewiesen? Achtet in diesem Zusammenhang jedoch immer darauf, mit einer behinderten oder chronisch kranken Person zu sprechen. Viele Menschen neigen dazu, die Begleitperson als 1. Ansprechperson zu nutzen. Dies ist jedoch keine Begegnung auf Augenhöhe. Eure Kommunikationsperson ist und bleibt die behinderte oder chronisch kranke Person.
2. Kapazitäten und Ressourcen
Kapazitäten und Ressourcen von behinderten und chronisch kranken Menschen können begrenzt sein. Vielleicht werden innerhalb des Interviews Pausen benötigt. Klärt dies ab und plant diese mit ein.
3. Sensible Sprache
Bereits vor dem Interview solltet ihr euch mit Sprache und Ableismus auseinandersetzen. Denn Anfragen wie „schweres Schicksal“, mit dem man „motivieren soll“, entspringen den ableistischen Denkmustern. In diesem Moment weiß ich, dass das Interview in eine Richtung gehen wird, die ich nicht unterstützen möchte.
Stellt die Interviews der Person nochmals zur Verfügung. Missverständnisse können ausgeräumt und die Sprache überprüft werden. Denn nicht selten passiert es, dass Formulierungen wie „leidet an“ oder „Trotz der Behinderung“ verwendet werden. Und das, obwohl sie alles andere als diskriminierungsfrei sind. Daher ist es sinnvoll, sich vorab mit einer diskriminierungsfreien Sprache auseinanderzusetzen.
4. Selbstbezeichnung
Häufig bekomme ich Anfragen, in denen ich als „Mensch mit Handicap“ betitelt werde, obwohl das fernab von meiner Selbstbezeichnung und meiner Aufklärungsarbeit ist. Seid ihr euch nicht sicher, welche Selbstbezeichnung eine Person nutzt? Kein Problem! Erfragt vorher, welche Selbstbezeichnung die Person nutzt.
5. Sensibler Journalismus
Warum ist es wichtig, dass wir uns grundsätzlich so verhalten? Wir können nie wissen, ob ein behinderter oder chronisch kranker Mensch vor uns sitzt. Wir gehen oft davon aus, dass diese Personengruppe nur in Themenbereichen wie Gesundheit und Behinderungen vor uns sitzen. Dabei besitzen wir mehr Expertise und sollten ebenso intersektional gesehen werden. Denn wo sind unsere Perspektiven am Weltfrauentag? Im Pride Month? Oder die Perspektive von Transpersonen?
Außerdem geht Sprache ins Denken über. Wenn wir gezielt diskriminierungsfreie Sprachen bekämpfen, bekämpfen wir unsere ableistischen Denkmuster.
Guter Journalismus und auch sensibler Journalismus bedeutet aber auch, dass wir Ableismus erkennen und ihn auch ansprechen. In vielen Nachrichten werden gerne andere Gründe für Fehler vorgeschoben,
Beispiel: Wenn Pflegekräfte behinderte Menschen ermorden, dann ist das Ableismus und keine Überlastung der Pflegekräfte.
6. Keine Oberflächlichen Interviews
Es ist schön, wenn ihr uns einen Raum gibt, in dem wir über uns und unsere Erfahrungen sprechen können. Jedoch gehen Interviews oft nicht in die Tiefe des Themas ein. Interviews zu LHON bedeuten nur meinen Weg zu erklären. Wie gehe ich mit LHON um? Und wie war mein Weg zur Diagnose? Dabei wird die Tiefe des Themas seltene Erkrankung oder Behinderung wie auch strukturelle Diskriminierung nicht miteinbezogen. Dadurch bleiben relevante Punkte unsichtbar. Gebt uns die Möglichkeit, tiefgreifender über Themen zu sprechen.
7. Bezahlt behinderte und chronisch kranke Menschen
Unsere Zeit und unsere Expertise sind genauso wertvoll wie die von anderen Berufsgruppen. Teilweise haben wir uns in Themen eingearbeitet, sind Expert*innen für Themen wie Inklusion und Antidiskriminierung und sollten für unser Fachwissen dementsprechend bezahlt werden.
Verleihe meiner Arbeit Flügel
Was genau kann deine Hilfe bewirken?
Ich bin Aktivistin für Inklusion. Aufklärungsarbeit findet oft kostenlos statt. Dies muss aber nicht sein. Denn Aufklärung bedeutet hier, recherchieren und schreiben, Videos produzieren, weiterbilden, reisen, Interviews führen und vieles mehr. Schaut euch gerne meine aufklärenden und empowernden Beiträge an, die zum Reflektieren einladen.
Ihr wollt mich unterstützen? Das ist möglich. Ihr könnt mich nicht nur durch das Teilen von Beiträgen unterstützen, sondern auch finanziell meine Arbeit unterstützen. Denn Fliegen lässt sich am besten mit Rückenwind.
Bleibe auf dem Laufenden
Werde monatlich über neue Beiträge informiert!
Neuste Beiträge
- Erfahrungsbericht LBM – Blind auf der LBMVom 19. – 22. März verwandelte sich Leipzig wieder in einen Ort voller Bücher, Kreativität und natürlich auch etwas Verkehrschaos. Die Leipziger Buchmesse (LBM) hat wieder stattgefunden und zog 313.000 Menschen auf das Messegelände. Mit dabei auch 3658 Medienschaffende. Darunter unter anderem ich. Zweieinhalb Tage habe ich die Leipziger Buchmesse… Erfahrungsbericht LBM – Blind auf der LBM weiterlesen
- Herbert und die Flammen der Vergangenheit – Prüfung 2 Heute zeige ich euch bereits die 2. Prüfung. Lange haderte ich mit mir, ob ich euch meine Prüfungen überhaupt zeigen mag. Aber wo wäre der Sinn, wenn mein Wunsch doch zu veröffentlichen ist? Aus diesem Grund zeige ich auch heute meine 2. Aufgabe: Schreibe eine Flash Fiction. Das habe… Herbert und die Flammen der Vergangenheit – Prüfung 2 weiterlesen
- Warum ich schreiben lernen will: Prüfung 1Warum ich schreiben lernen will, war unsere erste Prüfungsaufgabe, im Kompaktkurs kreatives Schreiben. Dabei sollten wir nicht einfach schreiben, warum wir schreiben lernen wollen, sondern das ganze in eine Geschichte einbauen. Also ließ ich mich von meinem Schluss durch die Geschichte leiten und erklärte, warum ich schreiben lernen will –… Warum ich schreiben lernen will: Prüfung 1 weiterlesen
- Leipziger Buchmesse – Inklusion, Barrierefreiheit und VielfaltVom 19. – 22. März ist es wieder soweit: Die Leipziger Buchmesse findet statt. Liebhaber*innen und Arbeitende rund um das Thema Bücher, Mangas, Cosplay und vielem mehr versammeln sich in Leipzig, um sich an den vier Tagen auszutauschen, neue Bücher kennenzulernen und auch der ein oder andere Preis wird verliehen.… Leipziger Buchmesse – Inklusion, Barrierefreiheit und Vielfalt weiterlesen
- Rückblick Januar: Wo hakt es?2026 starte ich eine neue Reihe. Einen Monat lang sammel ich alles Mögliche zum Thema Inklusion. Leider mit dem Fokus auf nicht gelungene Inklusion oder Barrierefreiheit. Denn als behinderte Person stoße ich immer wieder auf Barrieren. Ich möchte hiermit nicht demotivieren, doch klar zeigen, an welchen Stellen dringend nachgebessert werden… Rückblick Januar: Wo hakt es? weiterlesen






Schreibe einen Kommentar