Auf die Piste, fertig – Stopp! – Prüfung 3

Schneelanschaft mit einem Schneelift bei Sonnenuntergang

„Auf die Piste, fertig – Stopp!“- Meine dritte Prüfung. Natürlich wieder mit Repräsentation von Blindheit, eine Spur Sarkasmus und Humor und einem winterlichem Feeling.

Inhaltsverzeichnis

Auf die Piste, fertig – Stopp!

Ski fahren ist gefährlich. Ich könnte mich ernsthaft verletzen. Ich könnte mir die Beine brechen. Schon die ganze Zeit liefen Horror-Szenarien vor meinem inneren Auge ab. Wie ich verletzt auf der Piste liegen blieb, während meine Freund*innen freudig den Weg nach unten antraten und um die Wette fuhren. Wie ich alleine in der eisigen Kälte lag, mich niemand finden würde und meine Todesart zwischen Erfrieren und Verbluten schwankte . Doch ich war selbst schuld an meiner Situation. Ich hatte mich in dieses Missverständnis ganz allein hineinmanövriert. Und alles nur, weil ich die Klappe nicht halten konnte. Mein innerer Drang, nicht als Versagerin da stehen zu wollen, war einfach wieder zu groß gewesen. Und ich lasse mich sowieso viel zu schnell von Jacki provozieren. »Oh, das können wir doch gar nicht machen«, stöhnte sie genervt. »Sonst kann Caro nicht mitkommen.«

»Wieso kann ich nicht mitkommen?« fragte ich irritiert? Auch, wenn ich letztendlich schon wusste, worauf sie anspielen wollte. Worauf sie letztlich immer anspielte.

»Du bist blind«

»Das weiß ich, aber wieso soll ich nicht auf den Skiausflug mit können?«

»Wie willst du denn Skifahren?«

Und nach einem langen Vortrag darüber, dass man nicht von vornherein davon ausgehen könne, nur weil ich blind bin, ich etwas nicht könne, stand ich nun hier. Mit Skiern in der Hand und fragte mich, wann auffallen würde, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie Skier in der Hand hatte. Es würde mich nicht wundern, wenn ich sie komplett falsch hielt und mich verriet, als würde ich gleichzeitig eine Leuchtreklametafel hochhalten mit den Worten “Ich kann nicht Ski fahren”. Gut, letztlich wusste ich gar nicht, ob ich Ski fahren konnte. Vielleicht war ich eines dieser Genies und trug ein geheimes Ski-Gen in mir. Und das alles nur, weil ich nicht klargestellt habe, dass ich es wirklich nicht kann. Aber nicht, weil ich blind bin, sondern weil ich es einfach noch nie konnte. Doch nach meiner Rede über Vorurteile und das blinde Menschen so oft für unfähig gehalten werden, war wohl jeder davon ausgegangen, dass ich es könnte oder es hatte sich niemand mehr getraut etwas zu sagen.

Und nun stand ich hier wie bestellt und nicht abgeholt, trug meine gelben Armbinden mit den drei schwarzen Punkten, eine Kantenfilterbrille, um meine Augen vor dem blendenden weiß zu schützen und wartete auf die anderen 4 aus der Truppe.

Dann nahm ich das erste Knirschen von Schnee wahr und hörte das unverkennbare Geräusch von Winterkleidung.

»Na, bist du schon bereit?«, fragte mich Sonja ganz aufgeregt.

Ich trat von einem Bein auf das andere und nickte nur.

»Warts nur ab gleich wird dir richtig warm«

Dabei stand mir jetzt schon der pure Angstschweiß auf der Stirn. Nicht gerade förderlich, da er sich and er kalten Luft wie eine dünne Eisschicht anfühlte.

Nacheinander trudelten auch Jacki, Sophie und Malte ein.

»Leute, seid ihr bereit für die Todespiste?« fragte Malte in einem dramatischen Tonfall.

Ich schluckte.

Jetzt war es so weit.

Wir waren alle versammelt.

Es könnte losgehen.

Wahrscheinlich würde ich dafür sorgen, dass die Piste wirklich den Namen Todespiste verdiente.

»Leute…« druckste Sophie neben mir herum. »Also ehrlich gesagt sieht das etwas hoch aus und die Piste soll echt schwer sein.«

»Machst du jetzt doch einen Rückzieher?«

»Halt die Klappe. Malte«, fauchte ich zurück. »Ich möchte einfach nur die Anfängerpiste daneben nehmen. Möchte sich noch jemand anschließen?«

Stille.

»Ich bin dabei. Zu zweit macht es bestimmt mehr Spaß«

Sophie ahnte wahrscheinlich nicht, wie dankbar ich war. Schnell verabschiedeten wir uns und gingen zur anderen Piste. Die anderen blieben bei ihrer Wahl.

Dann atmete ich tief durch: »Du Sophie…«

»Hm?«

Jetzt oder nie. Doch wenn mein ohrenbetäubender Herzschlag mich noch nicht verraten hatte, dann wusste ich auch nicht. »Ehrlich gesagt bin ich noch nie Ski gefahren.«, nuschelte ich, währenddessen ich mit den Füßen den Schnee von rechts nach links schob.

»Oh« 

Betreten schaute ich weg und versuchte nicht auf die pinke Silhouette vor mir zu schauen.

»Hm. Möchtest du es denn?«

Verblüfft schaute ich Sophie an. Wollte ich es? Darüber hatte ich mir gar keine Gedanken gemacht. Aber jetzt, wo wir hier waren und das Gelächter der anderen Menschen zu mir drang, wollte etwas tief in mir auch den Fahrtwind spüren und das Gefühl, von was auch immer man haben würde.

»Nun ja, ich würde es schon mal gerne probieren. Aber ehrlich gesagt wüsste ich nicht wie. Ich sehe ja gar nicht genau, wo ich hinfahre. Alles ist weiß und zu viele Geräusche drumherum.«

»Wollen wir mal im Internet schauen, ob es ein paar blinde Menschen gibt, die erzählt haben, wie sie es machen?«

Ich schluckte. Wieder Feuchtigkeit, die wie eine Eisschicht auf meiner Haut brannte. Doch diesmal in meinen Augenwinkeln. »Das wäre super«

»Alles klar, dann lass uns mal schauen, ob wir eine Lösung finden, die für dich passt und dann zeig ich dir erst einmal, wie man auf den Skiern steht. Wir wollen ja nicht, dass du dich versehentlich bei einem Spagat in der Mitte teilst.«

Ich starrte sie nur an.

»Das war ein Scherz. Davon habe ich noch nie gehört. Und falls es doch passiert, darfst du mich zur schlechtesten Ski-Lehrerin der Welt ernennen.«

Dann brachen wir beide in Gelächter aus und ich freute mich auf das, was heute auf mich zukommen würde.

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