Warum ich schreiben lernen will: Prüfung 1

In der Mitte ist ein Porträtfoto von Nadine mit heller Haut und kurzem, lockigem, zweifarbigem Haar (hellblond oben, dunkler an den Seiten). Nadine lächelt, trägt roten Lippenstift, ein schwarzes Oberteil mit transparentem Einsatz im Schulter- und Brustbereich und sichtbare Tattoos an den Schultern/oberem Brustbereich. Sie sitzt seitlich auf einem grauen Sessel vor einem einfarbig beige-braunen Hintergrund, mit gefalteten Händen im Vordergrund.


Warum ich schreiben lernen will, war unsere erste Prüfungsaufgabe, im Kompaktkurs kreatives Schreiben. Dabei sollten wir nicht einfach schreiben, warum wir schreiben lernen wollen, sondern das ganze in eine Geschichte einbauen. Also ließ ich mich von meinem Schluss durch die Geschichte leiten und erklärte, warum ich schreiben lernen will – mit einem Schluss, der mich selbst noch einmal überzeugt hat und auch positiv von meiner Prüferin bemerkt wurde. Damit wünsche ich euch nun viel Spaß beim Lesen.

Inhaltsverzeichnis

Warum ich schreiben lernen will

„Ich schreibe eigentlich schon seit meiner Jugend und es ist mein größter Traum ein Buch zu veröffentlichen“ schwärmte eine helle und klare Stimme ein paar Plätze rechts von mir. Ich hatte mich für einen Schreibkurs angemeldet und alle Teilnehmenden sollten berichten, was sie motivierte, hier zu sein. Für mich war klar: Schreiben, das Arbeiten mit Sprache und Botschaften sind für mich mehr als ein Hobby. Doch mein Herzblut stecke ich bis jetzt in aufklärende Beiträge zum Thema Behinderung.

Heute, an unserem ersten Tag im Kurs, sollten wir mitteilen, warum wir schreiben wollen. Und während sich die Worte bei den Teilnehmenden aber nicht die Botschaft veränderten, grübelte ich mit dem Kopf auf die Hand gestützt immer noch, was die richtigen Worte sind. Ungeduldig rutschte ich auf meinem Stuhl von links nach rechts und versuchte mich abzulenken, während ich mich selbst unter Druck setzte. Meine Antwort sollte meine Gedanken in Worte fassen und dennoch mehr sagen als „ich schreibe schon seit meiner Jugend“. Doch ich schaffte es kaum, meine Gedanken zu ordnen oder meinen Mitstreitenden länger zuzuhören. Meine Gedanken drifteten immer wieder ab. Kaum ließen sich die Stimmen noch erfassen. Ich hörte ihre Worte aber verstand sie nicht. Und viel zu oft blieben meine Gedanken beim Start der Veranstaltung hängen. Bei den Momenten, die dieser Vorstellungsrunde vorher gingen.

Wie ich mich mit meinem Langstock durch das Gebäude kämpfte und mich letztendlich für die Treppe entschied, weil der Aufzug mal wieder weder mit Brailleschrift versehen war noch mit einer Sprachausgabe. Ich versuchte mich dabei genau zu konzentrieren, um die richtige Etage nicht zu verpassen. „Zwei, drei, vier–“, mein innerer Drang, alles zu zählen, was sich nur zählen ließ, beruhigte mich etwas. Dennoch kam ich leicht gestresst in der vierten Etage an und suchte langsam den einzig offenen Raum. Die ersten Unterhaltungen waren gerade im Gang. Doch als ich den Kursraum betrat und langsam über den Fliesenboden pendelte, um einen Sitzplatz zu ergattern, merkte ich, wie sich die Stimmung veränderte. Ich spürte Blicke auf mir und ein Kribbeln, das von meinem Nacken sich langsam seinen Weg über die Wirbelsäule meinen ganzen Rücken entlang bahnte. Die Gespräche ebbten ab. Einzig das Geräusch von meinem Langstock auf dem Fliesenboden war noch zu hören, das plötzlich ohrenbetäubend laut in meinen eigenen Ohren klang. Hinter mir kein Geräusch von Schritten. Es konnte also niemand hinter mir reingekommen sein. „Das hier ist der Schreibkurs“, klärte mich eine Stimme im hinteren Bereich des Raumes auf. Irritiert hob ich meinen Blick und versuchte in Richtung der unbekannten Stimme zu schauen: „Super, dann bin ich hier richtig“. Da heute kein weiterer Kurs auf dieser Etage stattfinden sollte, war mir klar, dass ich im richtigen Kurs war. Die Gespräche, die sich ums Schreiben und Bücher drehten, verrieten viel. „Ich könnte mir gut vorstellen, meine Bücher im Selfpublishing zu veröffentlichen“, hörte ich es auf 11 Uhr oder „Ich habe mich schon an ein paar Kurzgeschichten versucht und würde meine Technik gerne verfeinern“, nur einige Meter von mir entfernt. Doch die Atmosphäre änderte sich nicht. Stattdessen empfand ich sie als beklemmender als zuvor. Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Als würden Worte in ihr liegen, die keine Stimme fanden. Mit einer Unsicherheit in der Stimme kam es plötzlich aus einer anderen Ecke: „Aber du kannst ja nicht sehen, wie willst du dann schreiben?“, oder „Oder Lesen“, ergänzte eine weitere Stimme aus dem Unbekannten. Ich musste die skeptischen Blicke nicht sehen, um sie auf mir zu spüren. Und auch, wenn sich an dieser Stelle viele dieselben Fragen stellen, so ärgern mich Situationen wie diese oft. Weil Menschen nicht einmal meinen Namen kennen oder sich für mich interessieren, sondern einfach nur meine Behinderung sehen.

„Frau Rokstein?“ riss es mich aus den Gedanken mit einem Tonfall, der klang, als wäre es nicht das erste Mal, dass ich angesprochen wurde. Perplex sah ich auf und hörte das Kichern in einigen Ecken. Ich presste die Lippen zusammen und versuchte, meine Gedanken ein Stück weit ins Hier und Jetzt zu holen. „Warum will ich schreiben?“, kreiste die Frage immer noch in meinen Gedanken. Ich dachte noch einmal über meine Wünsche nach und doch blieben die Gefühle aus meinen Gedanken präsent. Und als wäre die Antwort schon die ganze Zeit zum Greifen nah gewesen, sagte ich plötzlich: „Ich möchte Werte vermitteln und die Menschen sichtbar machen, die in Geschichten und Gesellschaft unsichtbar bleiben. Ich möchte für echte Repräsentation sorgen. Ohne Klischees, Stereotype und Abwertung. Ich möchte mit eigenen Erfahrungen arbeiten und mehr Geschichten von behinderten Menschen in den Fokus rücken, nicht als Nebencharaktere, sondern als Protagonist*innen. Lebendig, vielfältig und echt!“ Als ich bei den Worten „behindert“ ein leichtes Zucken im Raum spürte, war mir klar, dass ich die richtigen Worte gewählt hatte. Mit einem Lächeln klappte ich den Laptop auf und war bereit.

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