Rückblick Januar: Wo hakt es?

Eine Person in einem dunklen Oberteil hält ein Klemmbrett mit einem Kalenderblatt vor dem Oberkörper. Der Hintergrund ist sehr hell und wirkt wie eine weiße Wand. Auf dem Kalenderblatt steht groß „01“. Darunter steht „JANUARY 2017“. Darunter sind die Wochentagsbuchstaben „SMTWTFS“ und ein Monatsraster mit den Tagen 1 bis 31.

2026 starte ich eine neue Reihe. Einen Monat lang sammel ich alles Mögliche zum Thema Inklusion. Leider mit dem Fokus auf nicht gelungene Inklusion oder Barrierefreiheit. Denn als behinderte Person stoße ich immer wieder auf Barrieren. Ich möchte hiermit nicht demotivieren, doch klar zeigen, an welchen Stellen dringend nachgebessert werden muss. Denn eine Unterschrift unter der UN-BRK hilft nichts, wenn die Umsetzung danach nicht folgt. Ich möchte Bewusstsein für Barrieren schaffen.

Inhaltsverzeichnis

Rückblick Januar: soziale Teilhabe

Menschen mit Behinderung werden bei der Fußball WM nicht mitgedacht. Denn wo es vorher einen wichtigen Nachteilsausgleich gab durch ein kostenloses Begleitticket fällt dieses nun weg. Dabei handelt es sich nicht einfach um ein kostenloses Ticket, sondern um eine Begleitung auf die die Person angewiesen ist. Dies sie für ihre Teilhabe benötigt.

4900 Prozent Preissteigerung. Das ist nicht gerade wenig. Zusätzlich sind in der günstigsten Kategorie für 45 Pfund (52 Euro) keine Plätze für Menschen mit Behinderung verfügbar. Dass viele Menschen mit Behinderung in Abhängigkeitsverhältnissen leben, dass sie auf eine Begleitperson angewiesen sind und nicht die finanziellen Mittel für 2 Tickets und vor allem für ein teures Ticket haben, wird dabei nicht mitgedacht.

Ein Beispiel: „Will ein britischer Rollstuhlfahrer am 17. Juni das erste Spiel der Three Lions gegen Kroatien in Dallas sehen, muss er mindestens 198 Pfund (228 Euro) bezahlen, plus denselben Betrag für eine Begleitperson.

2022 haben die Tickets für Menschen mit Behinderung in Katar nur acht Pfund (neun Euro) gekostet und Begleitpersonen konnten kostenlos ins Stadion mit. Ein deutlicher Unterschied und ein deutlicher Unterschied was Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion angeht.

Zusätzlich hat die FIFA die Anzahl der barrierefreien Sitzplätze um ein Drittel gekürzt. Das bedeutet, dass bei einigen Spielen nur noch neun Rollstuhlfahrer pro Team Platz finden.

Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt. In der Theorie könnten sich auch Menschen ohne Behinderung ein Ticket kaufen und es teurer an Menschen mit Behinderung weiterverkaufen. Denn der Nachweis einer Behinderung ist nicht mehr erforderlich.

Während Menschen mit Behinderung weiter um Teilhabe kämpfen und wir hier immer wieder sehen, wo es fehlt und woran es wieder mangelt, stellen sich Politiker*innen hin und reden vom Abschied vom „Schlaraffenland“ im Zusammenhang von Kürzungen  der Teilhabeleistungen. Dabei sind Inklusion, Barrierefreiheit oder Teilhabe keine Sonderleistung oder ein Extra, sondern ein Menschenrecht. Wir haben ein Recht auf Teilhabe. Dennoch werden Menschen mit Behinderung meiner Meinung nach in letzter Zeit wieder zu oft als „zu teuer“ abgestempelt. Dabei sollen Politiker*innen an der Umsetzung der UN-BRK arbeiten, an unserer Teilhabe und unseren Rechten und diese auch politisch vertreten. Wir sehen schon in den Wahlkämpfen, dass unsere Belange viel zu oft hinten rüber fallen. Bei solchen Aussagen ist es letztendlich nicht verwunderlich, dass Menschen mit Behinderung sorgenvoll auf dieses Jahr blicken.

Da ist es kein Wunder, dass 37 Prozent der Befragten einer Umfrage der Aktion Mensch zu den Wünschen und Erwartungen von Menschen mit Behinderung für das Jahr 2026 alles andere als optimistisch auf die Zukunft blicken. Vor allem Sorgen bereiten ihnen Themen wie Gesundheit, Pflege und soziale Sicherheit.

Ebenfalls fühlen sich 77 Prozent der Menschen mit Behinderung fühlen sich politisch nicht ausreichend vertreten. 

 Für das Jahr 2026 fordern sie vor allem von der Bundesregierung:

  • Den Erhalt oder Ausbau der sozialen Sicherungssysteme (46 Prozent)
  • Mehr bedarfsgerechte Wohnungen (43 Prozent)
  • Bessere Arbeitsmarktchancen (32 Prozent)

Rückblick Januar: Bildung

Aufgrund einer Autoimmunerkrankung hat ein Referendar Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Ermüdbarkeit und erhöhten Regenerationsbedarf. Hierfür beantragte er eine Schreibzeitverlängerung. Das Verwaltungsgericht (VG) Wiesbaden entschied, dass er keinen Nachteilsausgleich im 2. Versuch seines Examens erhält.  Bereits im Erstversuch hat er versucht, einen Nachteilsausgleich zu beantragen. In seinem Erstversuch bestand er nur 2 von 8 Klausuren.

Das Gesundheitsamt wiederum empfahl eine Schreibzeitverlängerung von 25 Prozent. Aber warum konnte kein Nachteilsausgleich gewährt werden?  „Im Assessorexamen werde bewusst abgeprüft, wie gut jemand unter Druck juristisch arbeiten kann. Dafür könne es also keinen Nachteilsausgleich geben.“

Und dieses Beispiel erinnert mich daran, wie oft einige den Satz „ihr wollt doch normal behandelt werden“ dafür einsetzen, um Inklusion oder Nachteilsausgleiche nicht zu gewährleisten. Um unsere Barrieren abzusprechen und zu ignorieren. Denn genauso kommt mir diese Entscheidung vor. Denn zu dem Stress und Druck kommen zusätzlich noch die Symptome einer Erkrankung, die andere wiederum nicht haben.  Da es sich aber um eine bleibende Erkrankung handelt, wird begründet, man könne seine Fähigkeiten nicht von der Erkrankung trennen. 

Während Inklusion und die UN-BRK bedeuten/besagen, dass Menschen nicht in Sonderräume exkludiert werden sollen, scheinen Förderschulen weiterhin ein Thema zu sein. Und zwar der Bau weiterer Förderschulen. Diesen Beschluss genehmigte der Landschaftsverband Rheinland (LVR). Sie sehen Verstöße gegen das nordrhein-westfälische Schulgesetz, nicht nur sei inklusive Bildung vorrangig, sondern sei dieses Vorhaben nicht wirtschaftlich. Vorab hätte geprüft werden sollen, wie die Bedingungen für körperbehinderte Schüler*innen an den allgemeinen Schulen vor Ort geschaffen werden können.

Rückblick Januar: Mobilität

Spontan mit der Bahn zu verreisen ist auch bis jetzt immer noch ein Privileg. Rund 9.300 Bahnsteigen und ihre Zugänge an etwa 5.400 Stationen bestehen weiterhin erhebliche Defizite im Punkto Barrierefreiheit. In Bayern, Sachsen und Thüringen sieht es am schlechtesten aus. „In Thüringen erreichen nur 55 Prozent der Bahnsteige die erforderliche Mindesthöhe von 55 Zentimetern, in Sachsen sind es 59 Prozent und in Bayern 61 Prozent.“ Wenn es um das Thema taktile Leitsysteme geht, bildet Sachsen-Anhalt mit lediglich 48 Prozent das Schlusslicht.

Wenn die Deutsche Bahn weiterhin nur etwa 150 Bahnsteige pro Jahr barrierefrei umbaut, wird es noch lange dauern, bis Menschen mit Behinderung ihr Recht auf Mobilität auch nutzen können. Gerade in Bayern fordert daher ein Bündnis aus Sozial‑, Umwelt‑ und Gewerkschaftsverbänden zur Kommunalwahl bessere Mobilität in Bayern.

An diesem Bahnhof will kein BLINDER sein!

Rückblick Januar: Finanzielles

Bei der Reform des Bürgergelds zur Grundsicherung wurden Gründe für Verweigerung nicht thematisiert. So kommt es einem jedenfalls vor. Einen Nachteil erhalten vor allem auch Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Denn was ist, wenn man die Mitwirkungspflicht verletzt, weil man nicht kann? Was für viele Menschen so einfach wirkt, kann für Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine Barriere sein. Mal eben das Bett oder Haus verlassen oder sogar einen Termin mit anderen Menschen wahrzunehmen, kann eine Herausforderung sein.

Mit dieser Reform sollte Geld gespart werden. Man sprach von Milliarden, die dadurch gespart werden könnten. Letztendlich kamen dabei Minderausgaben von 86 und 69 Millionen Euro. Es wird ein neues Instrument genutzt, um Menschen unter Druck zu setzen und zu verängstigen. Hauptsache irgendein Job mit irgendeiner Bezahlung. Ob dies gut oder schlecht ist oder der Gesundheit zu Gute kommt oder diese sogar noch verschlechtert, das ist nicht die Frage. Dabei wird die Verantwortung weiter auf die Bevölkerung abgewetzt. Wir sind zu faul, wir arbeiten zu wenig. Hier kann man von einem Fall lesen, der sogar angeboten wurde, über Zoom ein Gespräch zu führen und dieses nicht zustande kam. Die Leistungen wurden daraufhin gestrichen. Gerade bei dem Thema Behinderung, Erkrankungen verstehe ich es bis heute nicht, wie man Barrierefreiheit so wenig Beachtung schenken kann und die Angst der Menschen weiter schüren kann.

Auch meine Erfahrungen mit der Rehabilitationsstelle waren nicht die besten. Denn grundsätzlich kann man bei uns einen Termin online wahrnehmen. Es sei denn man hat eine Behinderung, dann muss man zum Jobcenter einer Stadt weiter zu einem Präsenz-Termin erscheinen. Für dieses Vorgehen fehlt mir das Verständnis. Gerade zum Schutz von Ressourcen und aufgrund der Barrieren im Alltag sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen mit Behinderung auch einen Online-Termin wahrnehmen dürfen und nicht in eine Stadt weiterfahren müssen, um einen Termin wahrnehmen zu können.

Doch der Grund für Arbeitslosigkeit ist nicht Faulheit, sondern ein strukturelles wirtschaftliches Problem. Und unter dem Aspekt der KI und der Weiterentwicklung dieser frage ich mich, wie es in den nächsten Jahren mit dem Abbau von weiteren Arbeitsplätzen aussieht.

Eine Studie zeigte noch einmal eindrücklich, wie viele Menschen, die Leistungen nach SGB II beziehen, eine psychiatrische Diagnose besitzen. „4,2 Millionen Personen untersucht, die entweder nach SGB II Grundsicherung oder nach SGB III Arbeitslosengeld I bezogen. Bei 52,1 Prozent wurde eine psychiatrische Diagnose gestellt.“ Dass Depressionen, stressbedingte somatische Störungen oder Substanzgebrauchsstörungen die Vorreiter sind, zeigt nur, dass sich an dem System etwas ändern muss.

Das zukünftig nun Sanktionen schneller und drastischer greifen sollen, wird gerade für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen einen großen Rückschritt bedeuten.

Leider glauben viel zu viele Menschen, dass Menschen, die keinen Job haben, nicht arbeiten wollen. Dass sie sich auf dem Saat ausruhen. Dass es diese Menschen auch gibt, aber sie einen so geringen, nicht nennenswerten Prozentsatz ausmachen, wird dabei immer übersehen. Dennoch werden diese Menschen immer für die Begründung solcher Reformen herangezogen.

Verleihe meiner Arbeit Flügel

Was genau kann deine Hilfe bewirken?

Ich bin Aktivistin für Inklusion. Aufklärungsarbeit findet oft kostenlos statt. Dies muss aber nicht sein. Denn Aufklärung bedeutet hier, recherchieren und schreiben, Videos produzieren, weiterbilden, reisen, Interviews führen und vieles mehr. Schaut euch gerne meine aufklärenden und empowernden Beiträge an, die zum Reflektieren einladen.

Ihr wollt mich unterstützen? Das ist möglich. Ihr könnt mich nicht nur durch das Teilen von Beiträgen unterstützen, sondern auch finanziell meine Arbeit unterstützen. Denn Fliegen lässt sich am besten mit Rückenwind.

Bleibe auf dem Laufenden

Newsletter auf Steady

Neuste Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zum Inhalt springen